Welche Lerntechniken wirken am besten?
Am besten wirken das Abfragen des eigenen Wissens und das verteilte Lernen. Fünf Forscher um den amerikanischen Psychologen John Dunlosky haben 2013 zehn verbreitete Lerntechniken anhand vieler Studien bewertet. Nur diese zwei bekamen die beste Note. Sie helfen Lernenden unterschiedlichen Alters, bei vielen Arten von Stoff und auch im Schulalltag.
Drei Techniken bekamen eine mittlere Bewertung. Fünf weitere schnitten schwach ab, darunter Markieren und Wiederlesen, die viele Schüler am liebsten nutzen.
| Lerntechnik | So geht sie | Wirkung laut Studie |
|---|---|---|
| Sich selbst abfragen | Karteikarten, Probeaufgaben, alte Arbeiten ohne Lösung | stark |
| Verteilt lernen | mehrere kurze Lernzeiten über Tage statt einer langen | stark |
| Warum-Fragen stellen | zu jedem Fakt fragen, warum er stimmt | mittel |
| Sich selbst erklären | beim Rechnen oder Lesen begründen, was man gerade tut | mittel |
| Aufgaben mischen | verschiedene Aufgabentypen durcheinander üben | mittel |
| Zusammenfassen | das Wichtigste in eigenen Worten aufschreiben | schwach |
| Markieren | wichtige Stellen im Text anstreichen | schwach |
| Eselsbrücken mit Schlüsselwörtern | ein Bild zu einem ähnlich klingenden Wort ausdenken | schwach |
| Bilder im Kopf zum Text | sich beim Lesen Szenen vorstellen | schwach |
| Wiederlesen | Heft oder Buch noch einmal durchlesen | schwach |
Sich selbst abfragen statt Stoff wiederlesen
Wer sich selbst abfragt, behält den Stoff deutlich länger als jemand, der ihn noch einmal liest. Henry Roediger und Jeffrey Karpicke ließen 2006 Studierende einen Sachtext lernen. Eine Gruppe las ihn viermal, eine andere las ihn einmal und schrieb dann dreimal auf, was sie noch wusste. Eine Woche später erinnerte die zweite Gruppe 61 Prozent des Textes, die Lesegruppe nur 40 Prozent.
Das Wiederlesen fühlt sich trotzdem besser an. Kurz nach dem Lernen schnitt die Lesegruppe sogar besser ab, und sie war sich sicherer, den Text zu behalten. Viele Schüler halten Wiederlesen und Markieren deshalb für besonders wirksam, schreibt Dunlosky. In einer Umfrage an einer Spitzenuniversität lernten 84 Prozent der Studierenden durch Wiederlesen.
- Ihr Kind schreibt beim Lernen Karteikarten, vorne die Frage oder das Wort, hinten die Antwort.
- Es fragt sich selbst ab, ohne auf die Rückseite zu schauen, und sagt die Antwort laut oder schreibt sie auf.
- Karten, die es richtig weiß, legt es zur Seite. Die anderen kommen hinten in den Stapel.
- Es übt so lange, bis jede Karte einmal richtig aus dem Kopf kam.
- In Mathe und Sprachen ersetzen alte Klassenarbeiten und Aufgaben ohne Lösung die Karteikarten.
Verteilt lernen statt am Abend vorher pauken
Wer über mehrere Tage verteilt lernt, behält den Stoff länger als bei gleicher Lernzeit an einem Abend. Fast alle Schüler pauken trotzdem am Abend vor der Arbeit, schreibt Dunlosky. Beim Pauken wirkt der Stoff schnell vertraut, beim verteilten Lernen merkt das Kind dagegen, was es schon wieder vergessen hat. Dieses Gefühl ist unangenehm, doch so bleibt der Stoff länger im Gedächtnis.
Für den Anfang können nach Dunlosky zwei kurze Lernzeiten pro Woche und Fach reichen. In jeder Lernzeit kommt neuer Stoff dran und Stoff aus den Wochen davor, am besten in Form von Abfragen. Mit verteiltem Lernen lässt sich auch eine Notenverbesserung vor dem Zeugnis über zehn Wochen planen.
Montag
Ihr Kind geht 20 Minuten lang den neuen Stoff durch und schreibt dazu Karteikarten oder Fragen.
Mittwoch
Es fragt sich 15 Minuten lang ab, ohne vorher nachzulesen. Was nicht sitzt, lernt es nach.
Freitag
Es löst 15 Minuten lang gemischte Aufgaben aus dieser und der letzten Woche.
Wochenende
Das Wochenende bleibt frei, höchstens 10 Minuten gehen an die Karten, die noch nicht sitzen.
Tag vor der Arbeit
Ihr Kind schreibt eine kurze Probearbeit unter Zeit und macht danach Pause, statt bis in die Nacht zu pauken.
Mit Warum-Fragen und Selbsterklären besser verstehen
Drei weitere Techniken helfen, wenn Ihr Kind etwas verstehen und nicht nur behalten soll. Bei den Warum-Fragen fragt sich Ihr Kind bei jedem neuen Fakt, warum er stimmt. Beim Selbsterklären sagt es sich beim Lösen einer Aufgabe, warum es diesen Schritt macht. In einem Versuch mit Logikaufgaben schafften Lernende, die sich beim Üben selbst erklärten, im Abschlusstest etwa 90 Prozent, die anderen weniger als 30 Prozent.
Beim Mischen übt Ihr Kind verschiedene Aufgabentypen durcheinander statt zehnmal denselben Typ. Das fällt beim Üben schwerer, weil es jedes Mal erst erkennen muss, welcher Rechenweg passt. In der Klassenarbeit kommt aber genau das vor. Dunlosky rät deshalb, in Mathe neue Aufgaben mit Aufgaben aus früheren Kapiteln zu mischen.
- Warum-Fragen eignen sich für Sachfächer wie Biologie oder Geschichte, wenn Ihr Kind schon etwas Vorwissen hat.
- Selbsterklären eignet sich für Mathe, Physik und das Lesen schwieriger Texte.
- Gemischte Aufgaben eignen sich besonders für Mathe vor einer Arbeit über mehrere Themen.
- Jüngere Kinder brauchen dabei oft Hilfe, etwa beim Unterschied zwischen Erklären und bloßem Nacherzählen.
So üben Sie Lerntechniken mit Ihrem Kind ein
Lerntechniken üben Sie am besten mit dem Stoff aus dem Unterricht ein, nicht in einem eigenen Kurs. Das empfiehlt auch die britische Education Endowment Foundation. Kinder, die lernen, ihr Lernen zu planen, zu überwachen und zu prüfen, machen nach ihren Auswertungen im Schnitt 8 Monate zusätzlichen Fortschritt über ein Schuljahr. Lehrkräfte erreichen das am besten, wenn sie ihr eigenes Denken laut vormachen. Das können Sie zu Hause genauso tun.
Mehr Lernzeit bringt dabei nicht automatisch mehr. Bei Hausaufgaben zählt nach denselben Auswertungen die Qualität der Aufgabe mehr als die Menge, und die Wirkung kann mit sehr viel Zeit sogar nachlassen. Reicht eigenes Üben nicht, kann gezielte Nachhilfe sinnvoll sein, wenn sie an einer benannten Lücke ansetzt.
Häufige Fragen
Ist Markieren eine gute Lerntechnik?
Nein, Markieren allein bringt laut einer großen Auswertung von 2013 wenig. In Studien half es Kindern, Studierenden und Erwachsenen nicht besser als einfaches Lesen. Markieren kann der erste Schritt sein, danach sollte sich Ihr Kind den Stoff ohne Buch selbst abfragen.
Wie oft sollte mein Kind vor einer Klassenarbeit lernen?
Ihr Kind sollte vor einer Klassenarbeit mehrmals kurz lernen statt einmal lang. Für den Anfang können nach dem Lernforscher John Dunlosky zwei kurze Lernzeiten pro Woche und Fach reichen. In jeder Lernzeit wiederholt es auch Stoff aus den Wochen davor.
Helfen Karteikarten beim Lernen für die Schule?
Ja, Karteikarten helfen beim Lernen, wenn sich Ihr Kind damit selbst abfragt. Es sagt die Antwort, bevor es die Karte umdreht, und legt nur die gewussten Karten zur Seite. In einem Versuch erinnerten Lernende mit Selbsttest nach einer Woche 61 Prozent eines Textes, Lernende mit Wiederlesen nur 40 Prozent.
Ab welchem Alter können Kinder Lerntechniken nutzen?
Schon Grundschulkinder können einfache Lerntechniken nutzen, etwa verteilt üben beim Schreiben von Lernwörtern. Warum-Fragen klappen nach Dunlosky ab den oberen Grundschulklassen. Jüngere Kinder brauchen dabei Hilfe beim Planen ihrer Lernzeiten.
Warum fühlt sich Wiederlesen beim Lernen so wirksam an?
Wiederlesen fühlt sich wirksam an, weil der Stoff danach vertraut wirkt. Kurz nach dem Lernen erinnern sich Lesende sogar etwas besser und sind sich sicherer. Nach einer Woche liegen sie aber deutlich hinter denen, die sich selbst abgefragt haben.
